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Warum (KI-)Transformation in der Organisation stattfindet – nicht im Projektplan

Das System ist produktiv. Die Schnittstellen funktionieren. Die Benutzer sind angelegt. Die Schulungen wurden durchgeführt. Die Projektleitung meldet Grün. Damit ist die Einführung abgeschlossen.

Technisch vielleicht. Organisatorisch möglicherweise noch lange nicht.

Gerade bei KI wird dieser Unterschied relevant. Denn KI ersetzt nicht einfach ein Werkzeug durch ein anderes. Sie kann Arbeitsschritte übernehmen, Entscheidungswege verändern, Rollen verschieben und Prozesse neu ordnen. Eine Lösung kann deshalb technisch produktiv und organisatorisch trotzdem noch nicht eingeführt sein.

Implementation, Rollout und Einführung sind nicht dasselbe

Die Begriffe werden in Projekten gerne vermischt:

Implementation: Die Lösung funktioniert.

Rollout: Sie steht den vorgesehenen Nutzern zur Verfügung.

Einführung: Die Organisation kann damit arbeiten.

Transformation: Prozesse, Rollen oder Zusammenarbeit haben sich dauerhaft verändert.

Bei einem klassischen Software-Upgrade liegen diese Schritte möglicherweise eng beieinander. Bei KI nicht.

McKinsey kommt in seiner weltweiten AI-Erhebung zu einem bemerkenswerten Ergebnis: Von 25 untersuchten Faktoren zeigte die grundlegende Neugestaltung von Workflows den stärksten Zusammenhang mit messbarem EBIT-Nutzen aus generativer KI. Gleichzeitig hatten erst 21 % der Organisationen, die generative KI einsetzen, zumindest einige Workflows grundlegend neu gestaltet. (McKinsey)

Offen ist damit zunehmend, wie die Organisation mit KI arbeitet.

Change Management beginnt nicht mit Kommunikation

Stakeholder analysieren. Kommunikationsplan erstellen. Mitarbeitende informieren. Schulungen durchführen. Feedback sammeln. Alles sinnvoll. Aber es greift zu spät, wenn vorher nicht geklärt wurde: Was soll sich eigentlich verändern?

Bei Einführungs- und Automatisierungsprojekten beginnen wir deshalb beim tatsächlichen Arbeitsablauf. Nicht nur beim dokumentierten Prozess. Sondern auch bei Ausnahmen, manuellen Listen, informellen Abstimmungen, Erfahrungswissen und Workarounds.

Danach folgt die wichtigere Frage: Wie soll diese Arbeit künftig funktionieren, wenn Technologie einen relevanten Teil davon übernimmt?

Erst daraus ergeben sich Rollen, Kompetenzen, Schulungsbedarf und Kommunikation.

Der Ist-Prozess ist nicht der Soll-Prozess plus KI

Nehmen wir eine Sachbearbeitung. Heute: Eingang → Prüfung → Recherche → Beurteilung → Entscheidung → Antwort

KI könnte künftig Dokumente klassifizieren, Informationen extrahieren, recherchieren und einen Entscheidungsvorschlag erstellen.

Man kann diese Fähigkeiten nun in den bestehenden Prozess einbauen. Oder man fragt: Wenn diese Fähigkeiten heute verfügbar wären – wie würden wir den Prozess neu entwerfen?

Vielleicht verschwinden Arbeitsschritte. Vielleicht werden andere zusammengelegt. Vielleicht braucht es eine neue Qualitätskontrolle. Vielleicht wird aus klassischer Sachbearbeitung zunehmend Ausnahme- und Entscheidungsbearbeitung. Genau hier beginnt organisatorische Transformation.

McKinsey beschreibt diesen Unterschied inzwischen sehr deutlich: Unternehmen mit geringer Wirkung setzen KI häufig auf bestehende Tätigkeiten auf; nachhaltiger Nutzen entsteht eher dort, wo Workflows, Rollen und Operating Model neu gestaltet werden. (McKinsey)

Ein Projekt kann die Organisation nicht für die Organisation verändern

Für grössere Einführungen hilft eine einfache Trennung in drei Verantwortungsebenen.

1. Das Projekt schafft die Voraussetzungen

Das Einführungsprojekt kann:

  • Ist- und Soll-Prozesse analysieren,
  • Technologie implementieren,
  • Nutzer früh einbeziehen,
  • Pilotgruppen aufbauen,
  • Rollenveränderungen erkennen,
  • Schulungen vorbereiten,
  • Risiken und Auswirkungen sichtbar machen,
  • Kennzahlen definieren.

Das Projekt kann Veränderung ermöglichen. Es kann sie aber nicht dauerhaft übernehmen.

2. Die Linie muss die neue Arbeitsweise übernehmen

Hier entscheidet sich die Einführung. Die Linie muss Mitarbeitende für Analyse, Tests und Pilotierung freistellen, neue Prozesse tatsächlich anwenden, Ausnahmen bearbeiten und alte Arbeitsweisen aufgeben. Und sie muss die organisatorischen Konsequenzen beantworten.

Wenn KI beispielsweise 30 % einer bisherigen Tätigkeit übernimmt:

  • Welche Aufgaben bleiben?
  • Welche entstehen neu?
  • Welche Kompetenzen werden benötigt?
  • Ändern sich Zuständigkeiten?
  • Wer kontrolliert die KI?
  • Was passiert mit frei werdender Kapazität?

Diese Fragen verschwinden nicht mit dem Projektabschluss.

3. Die Geschäftsleitung muss entscheiden, was über das Projekt hinausgeht

Je disruptiver die Technologie, desto schneller entstehen Fragen ausserhalb des Projektmandats:

  • Werden Prozesse zentralisiert?
  • Verändern sich Organisationseinheiten oder Stellenprofile?
  • Was soll mit Produktivitätsgewinnen geschehen?
  • Welche Risiken akzeptieren wir?
  • Welche Investitionen haben Priorität?
  • Welche Entscheidungen darf KI künftig vorbereiten oder übernehmen?

Das sind keine Kommunikationsmassnahmen. Das sind Führungsentscheidungen.

Kommunikation kann Entscheidungen erklären. Sie kann fehlende Entscheidungen nicht ersetzen.

Zu diesen Entscheidungen gehört auch die Governance: Wer ist Owner von Prozess und Daten, wer entscheidet über neue KI-Funktionen, und wer bleibt dafür verantwortlich, dass diese Entscheidungen im Betrieb auch später noch stimmen? Wie das konkret aussehen kann, beschreiben wir im Artikel «KI ist das neue Microsoft Access».

Ein Pilot sollte die Organisation testen – nicht nur die Technologie

Ein KI-Pilot beantwortet schnell die Frage: «Funktioniert die Technologie grundsätzlich?»

Interessanter sind andere Fragen:

  • Funktioniert der neue Prozess?
  • Wo umgehen Mitarbeitende ihn?
  • Welche Ausnahmen wurden übersehen?
  • Wann vertrauen Nutzer der KI – und wann prüfen sie?
  • Welche zusätzlichen Arbeiten entstehen?
  • Welche Kompetenzen fehlen?
  • Stimmen die erwarteten Produktivitätsgewinne?

Ein guter Pilot testet deshalb nicht nur Software. Er testet das zukünftige Betriebsmodell im Kleinen.

Dafür braucht es echte Nutzer und reale Fälle – inklusive der unangenehmen Sonderfälle.

Schulung ist nicht Befähigung

Auch diese Begriffe werden häufig gleichgesetzt.

Schulung beantwortet: Wie bediene ich das System?

Befähigung beantwortet: Wie arbeite ich künftig?

Bei KI kommen weitere Fragen hinzu:

  • Wann kann ich einem Ergebnis vertrauen?
  • Wann muss ich prüfen?
  • Welche Informationen darf ich verwenden?
  • Wann muss ich widersprechen?
  • Wofür bleibe ich selbst verantwortlich?

Dafür reicht eine Produktschulung unmittelbar vor dem Go-live nicht. Wir setzen bei grösseren Veränderungen deshalb auf frühe Beteiligung, Pilotnutzer, praktische Trainings und Peer-to-Peer-Lernen. Menschen sammeln Erfahrung mit der neuen Arbeitsweise, bevor sie zum Standard wird.

Dass diese Aufgabe an Bedeutung gewinnt, zeigt auch der Microsoft Work Trend Index für die Schweiz: 52 % der befragten Schweizer Organisationen gaben bereits 2025 an, KI-Agenten für die Automatisierung von Geschäftsprozessen einzusetzen; 48 % der befragten Führungskräfte erwarteten, dass KI-Training und Weiterbildung in den nächsten fünf Jahren zu einer zentralen Verantwortung ihrer Teams werden. (Microsoft)

Der Go-live ist der Beginn des Realitätstests

Nach dem Go-live wissen wir erstmals, wie Technologie, Prozess und Organisation tatsächlich zusammenspielen.

Deshalb reicht es nicht, Systemverfügbarkeit oder Login-Zahlen zu messen. Aussagekräftiger sind:

  • Wird der neue Prozess tatsächlich genutzt?
  • Wie oft werden KI-Vorschläge korrigiert?
  • Wo entstehen Umgehungslösungen?
  • Wie verändern sich Durchlaufzeit und Fehlerquote?
  • Werden erwartete Kapazitäten tatsächlich frei?
  • Welche neuen Ausnahmen oder Risiken entstehen?

Einführung ist damit kein einzelner Termin. Sie ist ein Regelkreis aus Nutzung, Messung, Feedback und Anpassung. Und irgendwann muss dieser Regelkreis ohne Projekt funktionieren.

Die Einführung einer Technologie endet nicht dort, wo das Projekt liefert. Sie endet dort, wo die Organisation ohne das Projekt damit arbeiten und sich weiterentwickeln kann.

Selbst-Check: Führen Sie KI ein – oder rollen Sie nur Technologie aus?

1. Zielbild: Können Sie beschreiben, wie die Arbeit nach der Einführung konkret anders funktioniert?

2. Prozesse: Haben Sie den Prozess neu gedacht – oder lediglich KI eingebaut?

3. Verantwortung: Ist geklärt, was Projekt, Linie und Geschäftsleitung jeweils entscheiden und liefern müssen?

4. Ressourcen: Sind die richtigen Mitarbeitenden für Analyse, Pilotierung und Veränderung tatsächlich verfügbar?

5. Rollen: Wissen Sie, welche Aufgaben entfallen, entstehen oder sich verändern?

6. Befähigung: Schulen Sie nur die Bedienung – oder auch die neue Arbeitsweise und Verantwortung?

7. Pilot: Testen Sie nur, ob die KI funktioniert – oder ob die Organisation damit funktioniert?

8. Messung: Wissen Sie, woran Sie nach dem Go-live erkennen, ob die Einführung tatsächlich funktioniert?

Und zuletzt:

Wenn das Projektteam vier Wochen nach dem Go-live vollständig verschwindet: Kann Ihre Organisation den neuen Prozess selbstständig betreiben, steuern und weiterentwickeln?

Wenn nicht, ist die Implementation vielleicht abgeschlossen. Die Einführung noch nicht.

Webinar: KI aus technischer und Managementperspektive

Wie wird aus einem funktionierenden KI-Use-Case eine funktionierende Organisation? Welche Verantwortung liegt beim Projekt, welche bei der Linie und welche bei der Geschäftsleitung?

Das Webinar ist in Vorbereitung. Wenn Sie eine persönliche Einladung erhalten möchten, melden Sie sich über unser Kontaktformular mit dem Stichwort «KI-Webinar».

Praxis-Workshop KI – Q4 2026

Keine Hochglanz-Präsentationen. Keine konstruierten Case Studies. Keine Verkaufsveranstaltung.

Wir arbeiten an realen Einführungssituationen: Prozesse, Rollen, Organisation, Technologie und Befähigung.

Sie bringen Ihre Fragestellung und Ihre Zeit mit. Wir bringen Erfahrung, kritische Fragen und zwei unterschiedliche Blickwinkel mit.

Die Teilnahme ist kostenlos und unverbindlich. Details und Termine folgen.

Quellen